1.1 Begriffsklärung: Diegese

Der Begriff der Diegese geht auf Etienne Souriau zurück, mit dem dieser die Ausdifferenzierung des filmischen Universums bezeichnet. 1 Sobald bei einem Film die Eigenschaften eines filmischen Raumes und einer filmischen Zeit konstatiert werden können, folgt daraus auch das Modell eines filmischen Universums, verstanden als die „Gesamtheit von Wesen, Dingen, Tatsachen, Ereignissen, Phänomenen und Inhalten in einem raum-zeitlichen Rahmen.“ 2 Dies gilt nicht nur für den Begriff des Universums, sondern synonym auch für den Begriff der Welt.

Nach Souriau lässt sich das filmische Universum, unter dem Gesichtspunkt seines Bezugs zur realen Welt betrachtet, in verschiedenen Gattungen und Ausprägungen beobachten. Davon ausgehend ist die erste Ausdifferenzierung die des Dokumentarfilms, der Orte und Dinge zeigt, die im Rahmen der realen Welt existieren, und deren sinnliche Gegenwart auf der Leinwand repräsentiert wird. Dabei kann der Grad der Wirklichkeitstreue variabel sein. Am wirklichkeitsnahen Spielfilm wird dies besonders deutlich: In dessen Rahmen findet nicht eine Doppelung der realen Welt mit all ihren historischen, geographischen und sozialen Komponenten statt, sondern nur eine Bezugnahme darauf. Dies geschieht im Kontext der Fiktion, auf deren Ähnlichkeit in Bezug zur realen Welt der distinktive Stil des Films beruht. Wird dieser Bezug ausgeweitet, lässt sich auch eine größere Distanz zwischen realer und filmischer Welt beobachten. Besonders beim phantastischen Film wird diese Abweichung von der Gestalt der realen Welt deutlich. In dessen Rahmen können eigene Gesetze geltend formuliert werden, nach denen die filmische Welt funktioniert – der phantastische Film setzt damit ein spezifisches filmisches Universum. Diese Beobachtung kann auch wieder auf die anderen Gattungen bezogen werden: „Genau genommen setzt jeder Film sein Universum (mit den Figuren, den Wesen und Dingen, seinen allgemeinen Gesetzen sowie dem Raum und der Zeit, welche ihm eigen sind).“ 3

Somit sind im Kontext des Films zwei Ausprägungen des Raumes festzustellen, welche der Zuschauer erfahren kann. Einerseits der reale Raum, dem Film und Zuschauer gleichermaßen verhaftet sind, der Kinosaal beispielsweise, andererseits ein anderer, viel weiter gefasster Raum, der sich in der kognitiven Verarbeitung des Gesehenen konstituiert, „eine ganze Topographie läßt sich entwerfen, die der Film impliziert: Dies ist der Raum, in dem sich die Geschichte abspielt.“ 4 Diese Differenz benennt Souriau mit zwei Begriffen. Einer ist der des filmophanischen Raums, der explizit die räumliche Dimension, in der ein Film rezipiert wird, benennt. Der andere ist der des diegetischen Raumes, „der nur im Denken des Zuschauers rekonstruiert wird (und der zuvor vom Autor […] vorausgesetzt oder konstruiert wurde);“ 5 diese Unterscheidung muss dann auch auf der Ebene der filmischen Zeit getroffen werden. Die konkrete Zeit eines Films, die von seiner Länge, aber auch vom subjektiven Zeitempfinden des Zuschauers abhängt, ist die filmophanische Zeit. Ihr gegenüber steht die Zeit, in der sich das Gezeigte abspielen soll und der Zeitraum, der damit abgedeckt wird. „Dies ist die ‚Zeit der Geschichte’, wie der diegetische Raum der ‚Raum der Geschichte’ ist.“ 6

Das Verstehen dieser diegetischen Vorgänge ist dabei eine kognitive Leistung des Zuschauers, die neben der Konstruktion des filmischen Raums auch die damit verschränkte zeitliche Komponente umfasst. Diese Konstruktion einer diegetischen Welt ist aber nicht feststehend, sondern muss ständig aktualisiert werden. „Diegetisch ist alles, was man als vom Film dargestellt betrachtet und was zur Wirklichkeit, die er in seiner Bedeutung voraussetzt, gehört.“ 7 Der Begriff der Diegese benennt somit die Konstruktion einer fiktiven, von der realen zu unterscheidenden Welt, deren räumliche und zeitliche Ausdifferenzierung und alles „was sie implizierte, wenn man sie als wahr ansähe [.]“ 8

  1. Vgl. Souriau, Etienne: „Die Struktur des filmischen Universums und das Vokabular der Filmologie.“ In: montage AV 6/2/1997, S. 140-157.
  2. Ebd., S. 141.
  3. Ebd., S. 142.
  4. Ebd., S. 144.
  5. Ebd.
  6. Ebd., S. 145.
  7. Ebd., S. 151.
  8. Ebd., S. 156.

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