1.2 Begriffsklärung: Narrative

Unter dem Begriff der Narrative kann zunächst ein Zusammenhang des Erzählens verstanden werden, in dessen Rahmen eine Sequenz von Ereignissen thematisiert wird, die voneinander ab- und miteinander zusammenhängen, „a perceived sequence of non-randomly connected events.“ 1 Diese Sequenz von Ereignissen wird verursacht von Figuren mit verschiedenen Motivationen, wodurch sich die Narrative weiter ausdiefferenzieren lässt im Vergleich zu anderen Modi des Erzählens, wie etwa denen der Beschreibung oder des Arguments.

Eine weitere Differenzierung, die vorgenommen werden muss, begründet sich aus dem Unterschied eines narrativen Inhalts zu der Art der Darstellung, in der dieser Inhalt konkretisiert wird. Seymour Chatman benennt diese Differenz, nicht nur in Bezug auf den literarischen Roman, sondern auch auf den Film, mit dem Begriffspaar Story/Discourse. 2 Die Narrative bedingt sich dabei durch die Existenz von Ereignisketten innerhalb der Story und generiert im Rahmen des Discourse eine konkrete mediale Manifestation. Dabei ist die Narrative an die Sequentialität der medialen Präsentation gekoppelt – das Medium, in dem die Narrative Form annimmt, muss also zur sequentiellen Darstellung fähig sein, was eine doppelte Zeitachse bedingt: Der Zeitrahmen der Abfolge der Ereignisse im Rahmen der Narrative ist dabei zu unterscheiden von dem Zeitrahmen der medialen Ausprägung. In der Organisation der Narrative können Ereignisse, und die dazwischen liegenden Zeiträume, verkürzt, ausgedehnt, wiederholt oder komprimiert erzählt werden. Verschiedene Erzählstränge innerhalb der gleichen Narrative können sich ausdifferenzieren, wenn sich die Anordnung der fundamentalen Parameter des Diegetischen – Raum, Zeit und Figuren – ändert. 3

Medien, in denen sich eine Narrative konkretisieren kann, müssen in der Lage sein, den wesentlichen Faktor der Narrative innerhalb ihrer spezifischen Formen zu realisieren: die Sequentialität von Ereignissen. Werner Wolf spricht in diesem Zusammenhang vom narrativen Potential, welches unterschiedlichen Medien eigen sein kann. 4 Auch betont Wolf den Aspekt der Rezeption: Narrativen sind verbunden mit einem kognitiven Schema des menschlichen Denkens, in dem Ereignisse und deren zeitliche Abfolge in eine kausale Struktur gebracht werden. Narrative ist somit auch ein Prozess der Konstruktion von Zusammenhängen.

  1. Toolan, Michael: Narrative: A Critical Linguistic Introduction. London: Routledge 2001, S. 6.
  2. Vgl. Chatman, Seymour: Story and Discourse – Narrative Structure in Fiction and Film. Ithaca, NY: Cornell University Press 1978.
  3. Vgl. Nischik, Reingard: Einsträngigkeit und Mehrsträngigkeit der Handlungsführung in literarischen Texten. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1981, S. 123f.
  4. Vgl. Wolf, Werner: „Das Problem der Narrativität in Literatur, bildender Kunst und Musik – Ein Beitrag zu einer intermedialen Erzähltheorie.“ In: Nünning, Vera / Nünning, Ansgar (Hrsg.): Erzähltheorie transgenerisch, intermedial, interdisziplinär. Trier: WVT 2002, S. 23-87.

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