2. Möglichkeiten der Annäherung

Wie bereits in der Einleitung deutlich geworden ist, lassen sich das Phänomen Lost, und die Ausprägung seines narrativen Inhalts in unterschiedlichen medialen Formen nicht klar einem bestimmten Typ des medialen Erzählens zuordnen. Lost ist zwar primär eine Fernsehserie, aber würde der analytische Blick allein auf dieser einen medialen Ausprägung beruhen, wäre er nicht in der Lage, das spezifisch Neue des transmedialen Erzählens zu erkennen und wäre darauf beschränkt, Lost nur als ausdifferenzierte Form des Typus der narrativen Fernsehserie wahrnehmen zu können. Die zusätzlichen Ausprägungen der Erzählung – in Form einer Vielzahl von über die unterschiedlichsten Medien verstreuten Erweiterungen, Fort- und Hinführungen der Narrative – blieben dabei unbeachtet. Dies ist besonders hervorzuheben, da Lost eben nicht ein singuläres Phänomen ist, sondern nur eines unter vielen. Ähnliche Strukturen des verteilten Erzählens – ob dies nun als ökonomisch motivierte Maskerade empfunden wird, die durch Einbettung narrativer Inhalte versucht, eine möglichst große Sättigung der verfügbaren Kanäle zu erreichen oder doch als legitime narrative Erweiterung eines Haupttextes rezipiert wird, ist hierbei nicht von Belang – konnten bereits bei einer Vielzahl anderer, oft gemeinhin mit dem Begriff des Kult umschriebenen Zusammenhänge beobachtet werden. 1

So ist der Kinostart eines Sommer-Blockbusters, der sich eines bereits etablierten Bedeutungszusammenhangs bedient mittlerweile kaum mehr ohne begleitende Erweiterungen in anderen Medien denkbar. So veröffentlichte der Comicverlag IDW Publishing 2007 unter dem Titel Transformers: The Movie Prequel eine Reihe von 4 Heften, in denen die Vorgeschichte des zeitnah mit der Veröffentlichung des letzten Heftes in die Kinos kommenden Transformers (Regie: Michael Bay, USA 2007) erzählt wird. Eine Fortsetzung dieser Reihe und die Veröffentlichung einer weiteren, die als Hinführung zum geplanten zweiten Teil des Kinofilms dienen soll, sind bereits angekündigt. 2 Dies ist nur ein Beispiel unter vielen, wie, meist ausgehend von einem Haupttext, der narrative Kosmos erweitert und fortgeführt werden kann. Allein zu Transformers existiert neben dem fast schon obligatorischen Roman zum Film noch ein weiterer, als Prequel im Jahr 1969 angesiedelter Roman und ein für alle derzeit verfügbaren Spielkonsolen veröffentlichtes Videospiel 3, in dem der Spieler – neben dem Nachspielen der Handlung des Films – als Alternative auch, indem er die Rolle der Antagonisten übernimmt, die Option hat den im Film festgelegten Ablauf der Ereignisse und somit auch dessen Ausgang zu verändern 4.

  1. Besonders aufschlussreich sind hierbei die früheren Arbeiten von Henry Jenkins, der in diesen nicht nur die Verbreitung und Verästelung von Kulttexten anhand des Star Trek-Mythos nachzeichnet, sondern auch dem Umgang der Fans mit diesen Texten einen Namen gibt: „Poaching“. Vgl. dazu Jenkins, Henry: Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture. London: Routledge 1992.
  2. Vgl. Brady, Matt: SDCC 07: IDW Panel Report. URL: http://forum.newsarama.com/showthread.php?t=122899, Stand: 15.08.2008, 14:21 Uhr.
  3. Dies sind Dean Foster, Alan: Transformers (Movie Novelization). New York: Del Rey 2007 und Dean Foster, Alan: Transformers: Ghosts of Yesterday. New York: Del Rey 2007 sowie Transformers: The Game (Activision 2007).
  4. Diese Eigenschaft des transmedialen Erzählens, die narrative Zusammenhänge und die interne Konsistenz der Erzählwelt als beliebig erscheinen lässt, kann auch im Bereich der Fernsehserie beobachtet werden und wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit – vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der problematischen Unterscheidung zwischen geschlossen und offen operierenden Narrativen – noch thematisiert werden.

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