3.1 Formen der Konvergenz

Medien und besonders deren technologische Infrastrukturen befinden sich in einem Prozess der Konvergenz, wobei die technologischen Grenzen zunehmend schwerer zu ziehen sind. Die technischen Trägermedien, mit denen mediale Ausprägungen von Lost verbreitet werden, machen dies deutlich. Neben der Fernsehserie, die zunehmend auch in digitaler Form via HDTV, auf DVD oder von Festplattenrekordern rezipiert werden kann, gibt es unter dem Titel Lost: Missing Pieces eine Reihe von 13 kurzen Episoden zwischen eineinhalb und drei Minuten Länge, die zuerst für als Videostreams für Mobiltelefone zum Abruf verfügbar waren, bevor sie sechs Tage später auf der offiziellen Website des Senders veröffentlicht wurden. 1

Konvergenz ist aber mehr als nur ein Prozess der technologischen Verbreitung, denn auch auf der Ebene der mit den Medien verknüpften Organisation von institutionellen Prozessen lässt sich ein Wandel beobachten, der eng mit dem Vorgang der Digitalisierung verbunden ist. Im Gegensatz zum Buchdruck, der beinahe ein halbes Jahrtausend lang auf den gleichen technologischen Verfahren beruhte, kann innerhalb der letzten Jahre ein beachtliches Ausbreiten digitaler Technologien auf der Ebene der materiellen Produktion von medialen Formen beobachtet werden. 2 Analoge Prozesse des Buchdrucks wurden durch digitale Druckverfahren ersetzt, die Produktion und der Vertrieb von medialen Inhalten, vor allem auch im Bereich des Fernsehens und der Musik, findet fast ausnahmslos auf digitaler Ebene statt und auch akademische Publikationsformen können sich diesem Wandel nicht verweigern. Ebenso sind die technologischen Mittel und Verfahren der Medienrezeption davon nicht ausgeschlossen, die „means of consumption“ 3, die Rezipienten zum Abruf digitaler Medieninhalte benötigen sind in erster Linie technologische Produkte. Im Kontext der Konvergenz bilden diese die Grundvoraussetzung für Distribution und Rezeption medialer Texte. Auch Formen der institutionellen Organisation sind davon betroffen, erste Anzeichen für medienübergreifende Kooperationen lassen sich schon in der Ära des New Hollywood finden, in der ein medialer Text nicht nur über ein originäres Medium vertrieben wurde, sondern auch in anderen medialen Kontexten Einzug hielt. 4

Medientexte und Narrativen sind in diesem Zusammenhang nicht mehr an eine spezifische Plattform, eine spezifische technologische Infrastruktur, gebunden, sondern können medienübergreifend erzählt und rezipiert werden. In diesem Sinne kann Konvergenz als gleichzeitige Verwendung unterschiedlicher Medientechnologien und dem Nutzen der diesen eigenen technologischen Fähigkeiten gesehen werden. Grundlage dafür ist der Vorgang der Digitalisierung, des Übertragens von Inhalten in die Form des Binären, die von jedem Medium, dessen technologische Infrastruktur zur Handhabung des binären Codes fähig ist, verarbeitet werden können. „[C]onvergence is thus seen as being a consequence of what digitization permits.“ 5 Unter dieser Voraussetzung des Operierens von Medientechnologien auf digitaler Basis bestätigt sich die Unabhängigkeit der Gesamtnarrative von Lost von ihren medialen Ausprägungen. Die Narrative – und somit das, was den transmedialen Erzählzusammenhang von Lost ausmacht – ist von ihrer „dependence from any given medium“ 6 befreit.

  1. Vgl. Wyatt, Edward: „Webisodes of ‚Lost’: Model Deal for Writers?“ The New York Times, 20.11.2007. Online verfügbar unter URL: http://www.nytimes.com/2007/11/20/arts/television/20
    digi.html, Stand: 19.09.2008, 13:05 Uhr. Auf der offiziellen Website sind alle Episoden verfügbar: URL: http://abc.go.com/primetime/lost/missingpieces, Stand:20.09.2008, 10:48.
  2. Vgl. Bolin, Göran: „Media Technologies, Transmedia Storytelling and Commodification.“ In: Storsul, Tanja / Stuedahl, Dagny (Hrsg.): Ambivalence Towards Convergence – Digitalization and Media Change. Göteborg: Nordicom, 2007, S. 239f.
  3. Ebd., S. 240.
  4. Vgl. Schatz, Thomas: „The New Hollywood.“ In: Collins, Jim / Radner, Hillary / Preacher, Ava: Film Theory goes to the Movies. New York: Routledge 1993, S. 8-36. Schatz beschreibt darin die zunehmende Ausbreitung der Distribution von Filmen über Modi des Fernsehens mit dem Begriff Blockbuster Syndrome.
  5. Bolin 2007, S. 238.
  6. Jensen, Jens F.: „Communication Research after the Mediasaurus – Digital Convergence, Digital Divergence.“ In: Nordicom Review, Nr. 19/1 1998, S. 41.

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