3.2 Konvergenz und transmediales Erzählen

Eine Struktur des narrativen Erzählens wie World Building, die auf der Bildung einer Gesamtnarrative und damit einhergehend auf der transmedialen Verbreitung ihrer Bestandteile, sowie deren jeweiliger Konkretisation im Rahmen einer medialen Form und ihrer Möglichkeiten des Ausdrucks und der Präsentation, basiert, kann aber nicht nur im Kontext einer Konvergenz zum Digitalen gesehen werden. Spezifische narrative und formale Muster, wie sie bei Lost feststellbar sind, lassen sich nicht als reine Resultate der Digitalisierung sehen, sondern stehen auch in Bezug zu etablierten Erzählformen der Fernsehserie, entsprechend müssen sie auch immer unter diesem Kontext gesehen werden. 1 Ebenso ist auch das Konzept des World Building als narrative Struktur einer Erzählung kein nur den digitalen Medien eigenes Muster. Ganz im Gegenteil, wenn Narrative ein transmedialer Zusammenhang ist, dann wäre es unwahrscheinlich, wenn deren Formen nicht schon in anderen, früheren medialen Ausprägungen feststellbar sind. Nicht ohne Grund zieht auch Henry Jenkins, wie bereits erwähnt wurde, einen Vergleich zu traditionellen Mustern der Narrative: „[W]orks of J.R.R. Tolkien, Jules Verne, Homer, L. Frank Baum, or Jack London fall loosely in this category, as does, for example, the sequence in War and Peace that describes Pierre’s aimless wanderings across the battlefield at Borodino.“ 2

Der Blick muss also auch auf andere, im System Fernsehen fundamentale Logiken und Praktiken ausgeweitet werden. John Caldwell benennt in diesem Zusammenhang fünf Formen der Textualität 3, die innerhalb eines durch Prozesse der Konvergenz geprägten Systems Fernsehen – und da besonders im Bereich narrativer Serien – beobachtbar sind. Dabei ist sein Begriff der Textualität sehr weit gefasst und reicht von der Ebene des diegetischen Textes bis hin zur Ebene eines sozial lesbaren Textes, der dem Bereich institutioneller und sozialer Praktiken zuzuordnen ist. 4 Die erste Form, wie die anderen auch im Spannungsfeld zwischen Konvergenz und etablierten Strukturen des Fernsehens angesiedelt, ist die der ergänzenden Textualität. Damit bezeichnet er die Bewegung von Inhalten über verschiedene Medien und deren Wiederverwendung in unterschiedlichen medialen Ausprägungen. Dies beinhalte einen Paradigmenwechsel in der Bewertung einer Serie: „The term ‚content‘ frees programs from a year-long series and network-hosted logic and suggests that programs are quantities to be drawn and quartered, deliverable on cable, shippable internationally and streamable on the Net.“ 5 In diesem Zusammenhang ändere sich auch die Bewertung einer Fernsehserie durch Verfügungsgewalt über die Vergabe derer Rechte und Weiterverwendungsrechte. Auch steige die Bedeutung des Archivs, da es nunmehr neue Distributionswege für ältere Serien gäbe. So könnten bereits fertig produzierte oder archivierte Inhalte über Spartenkanäle wiederverwertet oder, wenn es sich beispielsweise um dokumentarische Aufnahmen handele, als Archivmaterial für angeschlossene Nachrichten-Websites dienen. Die werbende Textualität ist ein Prozess des symbolischen Verknüpfens von Inhalt und sendender Instanz, wie sie etwa den Verträgen zwischen Sendern und Produzenten sichtbar wird, in denen festgelegt ist, dass das Logo des Senders auch als Element innerhalb der diegetischen Welt einer Serie aufzutauchen hat. Ein anderer Fall werbender Textualität wäre der, wenn eingebettete Werbung in Form von Einblendungen während der eigentlichen Ausstrahlung explizit auf das Bezug nehmen würde, was gerade im diegetischen Rahmen passiert. 6 Weitere Formen sind die rituelle Textualität, die die Interaktion von institutionellen Akteuren im Rahmen der Produktion thematisiert, oder die planerische Textualität, welche aktuelle Formen der Programmgestaltung umfasst.

  1. Eine Ausarbeitung der ästhetisch-formalen Spezifika von Lost im Kontext der Fernsehserie folgt im nächsten Kapitel.
  2. Jenkins 2004, S. 122.
  3. Vgl. Caldwell, John: „Convergence Television: Aggregating Form and Repurposing Content in the Culture of Conglomeration.“ In: Spigel, Lynn & Olsson, Jan (Hrsg.): Television after TV: Essays on a Medium in Transition, Durham: Duke University Press 2004, S. 41-74.
  4. Ein ähnlicher Zugang findet sich auch bei Terje Rasmussen, der angesichts beobachtbarer Konvergenzprozesse zwischen „texts, technology-mediated practises in everyday contexts, the formation and installation of communication technologies in the transformation of social systems, and virtual and contextual communication patterns“ unterscheidet. Vgl. dazu Rasmussen, Terje: „New Media Change – Sociological Approaches to the Study of the New Media.“ In: Jensen, Jens F. /  Toscan, Cathy (Hrsg.): Interactive Television – TV of the Future or the Future of TV. Aalborg: Aalborg University Press 1999, S. 166.
  5. Caldwell 2004, S. 49.
  6. Eine ausführliche Beschreibung einer solchen irritierenden Erfahrung während der Ausstrahlung des Pilotfilms von Lost findet sich bei Anderson, Christopher: „Television Networks and the Uses of Drama.“ In: Edgerton, Gary R. / Rose, Brian G. (Hrsg.): Thinking Outside the Box: A Contemporary Television Genre Reader. Lexington: University Press of Kentucky 2005, S. 65-87.

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