4. Lost und die Form der Fernsehserie

Die Frage, wie und in welcher Form das Fernsehen, dies beinhaltet auch alle seine formalen und inhaltlichen Bestandteile, erzählen kann, wurde im historischen Verlauf der medienwissenschaftlichen Hinwendung an das Untersuchungsobjekt Fernsehen auf unterschiedliche Weise beantwortet.

Ein erster ganzheitlicher Ansatz war das 1974 von Raymond Williams postulierte Konzept des Planned Flow 1, der spezifischen und dem Fernsehen eigenen sequentiellen Abfolge geplanter Programmeinheiten und deren Wahrnehmung als Kontinuum. Für eine Analyse spezifischer Einheiten dieses Ablaufs ist ein solcher Ansatz aber denkbar ungeeignet, da ein Betrachten von Lost innerhalb eines solchen Makrozusammenhangs den Blick von spezifischen narrativen Strukturen  und deren Relation zum Prozess des World Building abwendet. In gleichem Maße unbrauchbar sind auch auf diesem Ansatz basierende spätere Konzepte wie beispielsweise das des Supertextes 2, welches alles je im Fernsehen Gesendete als einheitlichen Text auffasste, da dessen einzelne Elemente in der Analyse immer nur als repräsentative, auf das Ganze verweisende Muster gesehen werden können. Der Begriff der Viewing Strips 3stellt eine angewandte Ausdifferenzierung dieses Konzeptes dar, indem in der Analyse den durch Umschalten entstehenden Abfolgen von Einheiten des Programms gefolgt wird. Auch wenn durchaus das Spezifische des Fernsehens – vor allem in Bezug auf das Verhältnis des Zuschauers zu diesem Medium – in diesen Konzepten thematisiert wird, stellt sich dabei doch nicht nur das Problem der praktischen Umsetzung, sondern auch das Problem der Ausblendung von spezifischen Eigenheiten auf der Ebene eines einzelnen Teils des Programms.

All diese Ansätze verweigern in ihrer grundlegenden Disposition die Möglichkeit der Analyse einzelner formaler oder narrativer Zusammenhänge, da diese immer nur im jeweiligen Programmkontext gedacht werden können und auf diesen bezogen werden müssen: Auf das, was der Zuschauer davor und danach sieht. Ungeachtet aller schon länger, und in letzter Zeit auch in immer größerer Häufung, beobachtbaren individueller werdenden Sehgewohnheiten 4, etwa indem komplette Staffeln einer Serie außerhalb des eigentlichen Sendeplans auf DVD rezipiert werden oder Festplattenrekorder schon automatisiert die nicht zu einer Einheit des Flows gehörenden Elemente, wie etwa Werbepausen, entfernen. Ebenfalls bleibt die dabei aufkommende Frage nach der kognitiven Fähigkeit der Zuschauer, zwischen verschiedenen Einheiten des Programms unterscheiden zu können, offen und unbeantwortet. Ein weiteres Indiz für die Unbrauchbarkeit solcher Konzepte findet sich auf der formalen Ebene, auf der trennende Hinweise wie Titeleinblendungen oder einleitende und abschließende Sequenzen beobachtbar sind, welche die Einheiten des Programms separieren und die Analyse einzelner Einheiten mehr als legitimieren. „Despite the prominence of the concept of flow in television studies, the individual program can be usefully studied as a self-contained unit, apart from the original schedule in which it may have appeared.“ 5 Auch eine Herangehensweise, die als Ziel die Konstruktion eines Verhältnisses von Medium und Gesellschaft kann für eine Perspektive, die auf eine Herausarbeitung von zwar abstrakten, aber spezifisch narrativen und formalen Mustern blickt, nur sekundär sein.

  1. Vgl. Williams, Raymond: Television: Technology and Cultural Form. London: Routledge 2003.
  2. Vgl. Browne, Nick: „The Political Economy of the Television (Super) Text.“ In: Quarterly Review of Film Studies 9, Nr.3, 1984.
  3. Vgl. Newcomb, Horace / Hirsch, Paul M.: „Television as a Cultural Form.“ In: Newcomb, Horace (Hrsg.): Television: The Critical View. Oxford: Oxford University Press 1994.
  4. Vgl. Spigel 2004, S. 2-6.
  5. Thompson, Kristin: Storytelling in Film and Television. Cambridge, MA: Harvard University Press 2003, S. 18.

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