4.1 Form und Diegese

Jedes Medium, auch das Fernsehen und besonders die Form der narrativen Fernsehserie, besitzt und erschafft bestimmte Parameter des Erzählens. Wie bereits dargelegt, ist eine der zentralen Unterscheidungen dabei die zwischen diegetischen, innerhalb der Rahmung des Erzählten und der Welt, die in dieser Erzählung mit inbegriffen ist, zu verortenden Elementen und nicht-diegetischen Elementen. Diegetische Elemente sind inhärente Teile der erzählten Welt, die unter anderem in Form von Charakteren, gesprochenen Dialogen, Gesten und Verhalten, Orten der Handlung oder auch als eine Abfolge von Ereignissen auftreten können. Nicht-diegetische Elemente sind die formalen Besonderheiten der medialen Ausprägung, zu denen im Bereich von Film und Fernsehen beispielsweise die Montage, der Soundtrack, Bewegungen der Kamera, die Verwendung unterschiedlicher Einstellungsgrößen und weitere technische und inszenatorische Parameter gehören können. Dabei darf der Wirkungsgrad solcher formalen Elemente nicht unterschätzt werden, denn „[…] nearly every edit, camera shot, and musical score functions similarly to convey a particular perspective on the diegesis.“ 1

Analog ist es auch auf der Ebene des Temporalen, auf der zwischen der nicht-diegetischen Zeit, der „Zeit der Geschichte“ 2 und deren Anordnung in Bezug auf Struktur und Dauer im Rahmen der jeweiligen medialen Ausprägung unterschieden werden muss. Die nicht-diegetische Zeit ist die Zeit der Erzählung, im Bereich der narrativen Fernsehserie hat sich hier ein Standard von ungefähr 45 Minuten 3 etabliert. Die Zeit der Geschichte umfasst die temporale Ausdehnung der Erzählwelt. Bei einer linear verlaufenden narrativen Struktur ist das ein relativ abgrenzbarer Bereich auf einer Zeitachse, dessen Abschnitte innerhalb der Rahmung einer bestimmten medialen Ausprägung und deren formalen Eigenheiten angeordnet und strukturiert werden. Manipulationen dieser Anordnung, die beispielsweise in Form von Rückblenden oder der Wiederholung des gleichen Zeitabschnitts aus anderen, multiplen Perspektiven realisiert werden können, bilden die Basis für das Erzeugen von Spannung oder Ambivalenz. Durch die entsprechende temporale Konstruktion der Erzählung und den Einsatz nicht-diegetischer, formaler Elemente kann jedes Medium, und daraus folgend auch jede Ausprägung dieses Mediums, spezifische Modi der Präsentation bilden.

Diese Modi übernehmen in einem transmedialen Zusammenhang, in dem unterschiedliche mediale Ausprägungen zur gleichen Gesamtnarrative gehören, die Rolle eines Leitmotivs. Durch den Einsatz spezifischer und vom jeweiligen Medium abhängiger narrativer und ästhetischer Mittel signalisieren sie die Zugehörigkeit zur gleichen diegetischen Welt „with sufficient consistency that each installment is recognizably part of the whole and with enough flexibility that it can be rendered in all of these different styles of representation.“ 4 Diese Signale müssen also dabei so angelegt und in ihrer Form medienunabhängig sein, dass sie jederzeit erkennbar und der jeweiligen Gesamtnarrative zuordenbar sind. Bevor die spezifischen Modi von Lost unter der Prämisse des World Building erarbeitet werden können, müssen zuerst allgemeine grundlegende Muster der narrativen und formalen Organisation von Fernsehserien formuliert werden. Denn die ästhetischen und narrativen Parameter, unter denen Lost operiert und die dort in einer spezifischen Konfiguration stehen, sind nicht singulär, sondern Ergebnis und auch Teil einer historischen Entwicklung unter ökonomischen, narrativen und formalen Vorzeichen.

  1. Mittell, Jason: „Film and Television Narrative.“ In: Herman, David (Hrsg.): The Cambridge Companion to Narrative. Cambridge: Cambridge University Press 2007, S. 160.
  2. Souriau 1997, S. 145.
  3. Dieser Standard ist im Kontext zunehmender Werbedichte und zusätzlich gelassenem Raum für Programmankündigungen zu sehen. Die  einzelnen Episoden von Lost dauern im Durchschnitt 43 Minuten.
  4. Jenkins 2006, S. 113.

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