4.2 Narrative und formale Strukturen bei Lost

Mit Ausnahme von Fernsehserien, die als thematische Reihe konzipiert sind oder nach einem Muster der Anthologie operieren, kann unter den Gesichtspunkten der Konstruktion einer diegetischen Erzählwelt eine damit einhergehende Ausdifferenzierung von narrativen und formalen Mustern beobachtet werden, die jeder Fernsehserie eigen sind. Als erstes bietet sich hier, vor allem auch unter Betrachtung der historischen Ausdifferenzierung und Verortung dieser Muster, eine Unterscheidung nach episodischen und seriell strukturierten Ausprägungen an. 1 Bei episodisch angelegten Serien, die einem Prinzip der Wiederholbarkeit folgen, sind die jeweiligen Muster innerhalb einer Folge relativ konsistent und gleich bleibend: „[P]lots stand on their own, requiring little need for consistent viewing or knowledge of diegetic history to comprehend the narrative. In American television, this has been the most common model for primetime television.“ 2

Episodische Muster sind dabei nicht genrespezifisch, sondern finden oft in Kombination mit der Thematisierung von prozeduralen Vorgängen in rahmenden Kontexten, etwa als Krimi- oder Krankenhausserie, eine ausdifferenzierte Form. Die Inhalte einzelner Episoden hatten dabei keine Auswirkungen auf andere Folgen, so dass durch diesen Verzicht auf eine episodenübergreifende Bezugnahme und die damit einhergehende Redundanz an narrativen und formalen Mustern die Episoden in beliebiger Reihenfolge rezipiert werden konnten. 3 Diese Strukturen des episodischen Erzählens, die sich im US-Fernsehen auch an formalen Limitierungen orientieren müssen, lassen sich bei Einschränkung des Blicks auf die Ebene der Einzelepisode auch in den Folgen von Lost finden. Nach Kristin Thompson orientieren sich narrative Strukturen an den Werbeunterbrechungen, die in regelmäßigen Abständen etwa alle 15 Minuten erfolgen. 4 Somit ergeben sich bei einer Episodenlänge von einer Stunde vier Teile der Narrative, wobei bei den ersten drei an deren Ende keine Auflösung erfolgt, sondern ein mehr oder weniger ausgeprägter Cliffhanger den formalen Abschluss bildet. 5

Auch Lost folgt diesem Prinzip, ohne dabei allerdings eine episodische Auflösung zu bieten. Dies ist auch als Besonderheit zu sehen, da bei Lost die Auflösung zentraler narrativer Fragen, sofern diese überhaupt konkret wird, am Ende einer Staffel steht. So wird die Existenz einer anderen Gruppe von Personen auf der Insel, The Others genannt, und deren Motivation und Hintergrund erst nach und nach klar. Dies beginnt für die Überlebenden des Flugzeugabsturzes während der ersten Staffel mit der Entdeckung, dass Ethan, eine bis dahin immer wieder im Rahmen einer Nebenrolle auftauchende Figur, offenbar kein Passagier des Flugzeugs war. 6 Erst gegen Ende der zweiten Staffel 7 und mit Beginn der dritten Staffel 8 kommt es zu ersten Begegnungen mit den Others, in deren Verlauf zwar erste Einblicke in deren Organisation und Struktur gewährt werden – so scheinen sie über Kontakt zur Welt außerhalb der Insel zu haben und leben in einer abgegrenzten Bungalowsiedlung 9 – vor dem Hintergrund betrachtet, dass die Others offenbar nicht Teil der Dharma Initiative sind, der Organisation, welche die Forschungsstationen auf der Insel errichtete, ihre genaue Motivation aber immer noch im Dunklen bleibt.

Angesichts dieser langfristig angelegten und immer nur in Teilen formulierten Auflösungen von Zusammenhängen auf narrativer Ebene, kann in Bezug auf Lost von einer Ausweitung des Moments des Cliffhangers auf den Makrozusammenhang gesprochen werden. Dieser ist nicht nur mehr am Ende einzelner Akte, Episoden oder Staffeln zu verorten, sondern ist auch als explizite Leerstelle oder Moment der Unbestimmtheit in der fundamentalen Struktur der Narrative präsent. In dieser Hinsicht ist das Konzept des episodischen Erzählens bei Lost in Auflösung begriffen. Kristin Thompson bemerkt dazu:

It is apparent, then, that the tendencies toward adaptations of stories among media, toward sequels, and toward seriality are all part of a general stretching and redefinition of narrative itself. In particular, the firm and permanent closure to any given narrative has loosened across media. Series television, with its broad possibilities for spinning out narratives indefinitely, has been a major impetus in these tendencies. 10

Auch Jason Mittell argumentiert in diese Richtung. 11 Serielles Erzählen basiere auf einer „ongoing diegesis that demands viewers to construct an overarching storyworld using information gathered from their full history of viewing.“ 12 Diese Strukturen waren zuerst beschränkt auf Soap Operas, eine frühe Ausdifferenzierung des seriellen Erzählens mit prominenten Vertretern, die teilweise auch über Jahrzehnte hinweg erfolgreich gesendet wurden. Dabei hat sich als Norm eine Form der narrativen Orientierung entwickelt, die den Bezug auf fortlaufende Ereignisse und die daraus entstehende Plotstruktur minimierte und stattdessen die Konstellationen der Figuren untereinander priorisierte. Narrative generiert sich dabei in einem emergenten Prozess der Rekonfiguration dieser Konstellationen – das Konzept der Datenbank ist hier nicht weit entfernt.

Allerdings ist die episodische Form beileibe nicht als Organisationsform von narrativen Zusammenhängen in Fernsehserien verschwunden, „there are still many more conventional sitcoms and dramas on-air than complex narratives.“ 13 Auch lassen sich Mischformen beobachten, beispielsweise die bereits erwähnte kumulative Narrative, die narrative Organisation in Form von Erzählbögen über mehrere Episoden oder eine gesamte Staffel hinweg, gekoppelt mit Erzählsträngen, die sich jeweils episodisch auflösen. Der Hauptunterschied zwischen episodischer und serieller Struktur ist dabei der Status der Erzählung am Ende einer formalen Einheit, egal ob dies ein einzelner Akt, eine Episode oder das Ende einer Staffel ist. Bezogen auf Lost und die dort beobachtbare Verweigerung der Auflösung und Beantwortung der aufgeworfenen Fragen kann als primäre Form der narrativen Organisation ein Operieren von Lost nach der Logik des Cliffhangers konstatiert werden. „When storylines do resolve, they are often replaced with even more suspenseful or engrossing narrative enigmas to keep viewers watching.“ 14

  1. Vgl. Mittell 2007, S. 163
  2. Ebd.
  3. Vgl. Thompson 2003, S. 63ff.
  4. Ebd., S. 43f.
  5. Wenn eine Fernsehserie auf DVD rezipiert wird, markiert anstatt einer Werbeunterbrechung ein kurzes Aus- und Einblenden diese  Strukturierung. Gerade im Vergleich mit den eigenproduzierten Serien des innerhalb einzelner Sendungen werbefreien Bezahlsenders HBO wie beispielsweise The Sopranos oder Six Feet Under wird dies deutlich.
  6. Lost (S01E10) und Lost (S01E11).
  7. Lost (S02E11) und Lost (S02E14)
  8. Lost (S03E01)
  9. In Lost (S03E01) wird dies in einer Rückblende erzählt, die zeitgleich zu den Ereignissen im Pilotfilm angesiedelt ist. Erst dort wird klar, dass Ethan aus bisher ungeklärten Gründen geschickt wurde, um die Gruppe der Überlebenden zu überwachen.
  10. Thompson 2003, S. 105.
  11. Vgl. Mittell 2007, S. 164f.
  12. Ebd.
  13. Mittell, Jason: „Narrative Complexity in Contemporary American Television.“ In: The Velvet Light Trap, Vol. 58. Austin, TX: University of Texas Press 2006, S.29.
  14. Mittell 2007, S. 164.

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