4.5 World Building III

Lost stützt sich im Rahmen seiner narrativen Struktur auf Muster des enigmatischen Erzählens, bei denen im Gegensatz zu Formen des episodischen Erzählens Auflösung und Abgeschlossenheit keine gewichtige Rolle mehr spielen. Die Narrative muss dabei, im Kontext ihrer theoretisch unendlichen Erweiter- und Fortführbarkeit, explizite Unbestimmtheiten und Leerstellen generieren, die entweder im Haupttext, der Fernsehserie, oder dessen transmedial angelegten Erweiterungen gefüllt werden können.

Dabei greift sie zurück auf elementare Komponenten der diegetischen Welt von Lost. Eine davon ist die räumliche Dimension. Neben figurenbezogenen Erzählsträngen, wie etwa die immer wieder thematisierte Dreiecksbeziehung zwischen Jack Shephard, Kate Austen und Sawyer, behandelt ein großer Teil der Serie den fortlaufenden Prozess der Erforschung der Insel und bildet im Rahmen der Integration der sich dadurch ergebenden Rätsel in den Horizont der Gesamtnarrative eine elementare narrative Struktur des Räumlichen.

Die zweite Komponente ist die der zeitlichen Ausdifferenzierung, sowohl der Narrative, als auch der diegetischen Welt. Rück- und Vorblenden öffnen immer neue Fenster, durch die Teile der Gesamtnarrative sichtbar werden. So wird neben Vorblenden, in denen die Figuren es offenbar geschafft haben, die Insel zu verlassen 1, auch der biographische Hintergrund der Figuren teilweise bis in die Kindheit hinein sichtbar. Allerdings nicht ohne dabei strategische, der Logik der enigmatischen Narrative folgende Auslassungen aufzuweisen. So erfährt der Zuschauer, dass Benjamin Linus, der scheinbare Anführer der Others, offenbar seine Kindheit auf der Insel verbracht hat. 2 Sein Vater hatte damals, als die Dharma Initiative auf der Insel noch diverse Forschungsstationen und andere Einrichtungen mit entsprechender Besetzung unterhielt, dort einen Job angenommen und Benjamin mitgebracht. Allerdings wird im weiteren Verlauf der Rückblenden offenbar, dass noch eine andere, von den Mitgliedern der Dharma Initiative nur Hostiles genannte Gruppe auf der Insel lebt. Deren Absichten werden ebenso im Dunklen gelassen wie auch die Verbindung dieser Gruppen untereinander. Sind die heutigen Others, die sich die Insel mit den Überlebenden des Flugzeugabsturzes teilen, verbliebene Mitglieder der Dharma Initiative oder der Hostiles? Und – damit kommen die narrativen Fragen wieder auf die räumliche Ebene zurück – warum lassen sich von den Hostiles keinerlei Hinterlassenschaften auf der Insel entdecken?

Lost konkretisiert somit World Building nicht nur auf der Ebene der Konstruktion einer zeitlich theoretisch bis ins Unendliche erweiterbaren diegetischen Welt, sondern auch durch die Präsentation der Narrative in Form komplexer Strukturen der zeitlichen Organisation, die sowohl analeptisch als auch proleptisch angelegt sind. Durch diese Strukturierung, die immer auch das mit einbezieht, was vor und nach den Ereignissen auf der Insel geschieht, ist auch die räumliche Dimension des World Building bei Lost theoretisch unbegrenzt.

Diese Form der Organisation und Präsentation von Narrative und diegetischer Welt bedingt, im Vergleich mit bekannten Konventionen des Erzählens, eine neue Form kognitiver Prozesse der Rezeption und Verarbeitung, bei der auch die formale Konstruktion Beachtung finden kann. 3

  1. Beginnend mit Lost (S03E22) werden in der vierten Staffel Vorblenden als weitere Form der zeitlichen Strukturierung eingeführt.
  2. Lost (S03E20).
  3. Die Frage nach den Unterschieden zwischen den Rezeptionsmodi von beispielsweise Serie und ARG, und wie diese sich aufeinander beziehen, eröffnet einen weiteren Fragehorizont, als hier Beachtung finden kann. Ein erster Versuch in diese Richtung findet sich bei Evans, Elizabeth: „Character, Audience and Trans-Media Drama.“ In: Media, Culture and Society, Vol. 30(2), 2008, S. 197-213.

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