5. Die Unbestimmtheit der diegetischen Welt

Als eines der zentralen Motive im narrativen Zusammenhang kann bei Lost die Unbestimmtheit gesehen werden. Diese konkretisiert sich durch enigmatische und komplexe Strukturen der narrativen Organisation, durch den Verzicht auf Auflösung und das Streuen der zum Dekodieren der Gesamtnarrative notwendigen Informationen nicht nur temporal innerhalb einer medialen Ausprägung, sondern auch über verschiedene Medien hinweg. Dabei kann der Rezipient seine Perspektive auf den Haupttext beschränken und dessen Erweiterungen komplett ignorieren, einige Erweiterungen rezipieren und andere auslassen, er kann sich aber auch entscheiden, allen Verzweigungen des Haupttextes zu folgen und somit den vollen Umfang der transmedialen Narrative erfahren. Transmediale Erweiterungen reduzieren dabei die Potentialität der Antworten, welche im Rahmen der Narrative durch Nicht-Auflösung und Unbestimmtheit vorgegeben wird. Als Mehrwert für den Rezipienten ergibt sich aus der Entscheidung, die transmedial erzählte Narrative auch in anderen medialen Ausprägungen weiterzuverfolgen, das zunehmende Verständnis des Haupttextes, dessen Leerstellen im Prozess einer additiven Steigerung des Verständnisses nach und nach aufgefüllt werden können. 1

Davon bleibt die dem World Building inhärente Logik der theoretisch unendlichen Erweiterbarkeit aber unberührt. „Even after we mark the page, there are blanks beyond the borders of what we create, and blanks within what we create.“ 2 Um sich innerhalb dieser diegetischen Welt zurechtzufinden, müssen die Rezipienten – ebenso wie die Autoren – auf „contextual devices“ 3 zurückgreifen, die den Zugang zu den räumlichen und zeitlichen Dimensionen der dichten diegetischen Welten ermöglichen, die im Rahmen einer transmedial erzählten Narrative gebildet werden können. 4 Diese können den Produktions- und Rezeptionsprozess in Form kontextbezogener medialer Ausprägungen – Janet Murray zählt hierzu etwa geographische und thematische Karten, Zeitlinien oder Stammbäume – unterstützen, entweder indem sie als Teil der Narrative im Rahmen der Diegese auftreten, als begleitende Erweiterungen im Rahmen einer werbenden Textualität fungieren oder auch indem sie auf der Seite des Rezipienten eine eigene interpretative Form annehmen. 5

Im verschränkten Operieren unter den Parametern der Transmedialität und einer medienunabhängigen Narrative ergibt sich auch ein Paradigmenwechsel im Rahmen institutioneller Praktiken der Medienproduktion. „More and more, storytelling has become the art of world building, as artists create compelling environments that cannot be fully explored or exhausted within a single work or even a single medium.“ 6 Damit einhergehend steigt vor allem im Bereich des Films und der narrativen Fernsehserie, beides Medien, die darauf angewiesen sind, audiovisuell zu erzählen, die Bedeutung der Mise-en-scène. Die Ausgestaltung einer diegetischen Welt, unter dem Gesichtspunkt, dass diese über verschiedene mediale Ausprägungen hinweg möglichst spezifisch erhalten werden muss, in Form möglichst jederzeit wieder erkennbarer Kostüme, Architektur, Sprache oder anderweitiger Ausdifferenzierungen des diegetischen Rahmens, legt die Vermutung nahe, dass der Erschaffer einer solchen Welt immer auch ein „cultural geographer“ 7 sein muss.

Damit eröffnet sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den für Lost spezifischen Formen der Unbestimmtheit in der narrativen und formalen Organisation und einer Logik des World Building. Um in dessen Kontext diesen Unbestimmtheiten einen konkreten Platz zuweisen zu können, muss deren Rolle näher erforscht werden.

  1. Vgl. Jenkins 2006, S. 123-126.
  2. Turchi, Peter: Maps of the Imagination – The Writer as Cartographer. San Antonio, TX: Trinity University Press 2004, S. 29.
  3. Jenkins 2006, S. 116. Er bezieht sich dabei auf Murray 1997, S. 257.
  4. Auf der offiziellen Lost-Website findet sich beispielsweise unter dem Titel Connections (URL: http://abc.go.com/primetime/lost/index?pn=connection, Stand: 23.09.2008, 10:18 Uhr) ein interaktives Netzwerkdiagramm der Hauptfiguren, das es dem Benutzer ermöglicht, die Beziehungen zwischen diesen in visualisierter Form nachzuvollziehen.
  5. The Lost Map (URL: http://thelostmap.blogspot.com/, Stand: 23.09.2008, 10:38 Uhr) und Lost Island Map (URL: http://lostmap.blogspot.com/, Stand: 23.09.2008, 10:39 Uhr) sind nur zwei einer Vielzahl von Beispielen, in denen Zuschauer versuchen, die geographischen Aspekte der Insel zu visualisieren.
  6. Ebd., S. 114.
  7. Ebd., S. 115. Jenkins bezeichnet damit den Inszenierungsstil von Tim Burton.

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